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Stefanie Pichler – Die Form der Erinnerung

In einem Café nahe dem Kutschkermarkt treffe ich Stefanie Pichler zum Interview. Sie hat einige ihrer Bücher dabei.

L.P.: „Die Zeit vergeht auch ohne uns“, worin geht es in diesem Kunstbuch?
S.P.: Die Volksschule im Mühlviertler Dorf Hackstock musste wegen zu geringer Kinderanzahl geschlossen werden. Ich war dort, als die Schule leer stand. Die Einrichtung war noch da – das Leben, die Kinder waren weg. Ich wollte die Geschichten – das Vergangene, das in den Räumen spürbar war, aufzeigen. Wie manifestiert sich Erinnerung und wie kann man sie darstellen? Wie kann man so etwas Vergänglichem wie dem Leben Form geben? Diese Fragen beschäftigen mich.

L.P.: Wie kommen die Informationen über das Vergangene, die Geschichten zu dir? Welchen Anteil hat deine eigene Phantasie daran?
S.P.: Es ist faszinierend, sich da hineinzuwagen – über etwas zu schreiben, auf das man selbst nicht zurückgreifen kann. Ich habe eine eigene Technik Erinnerungen zu entwickeln, die ich auch in meinen Erinnerungsbuchkursen anwende. Dabei gehe ich von einer Sammlung zum Thema aus: Fotos, Schriftstücke, Berichte, Erzählungen, Träume. Dann transformiere ich dieses Informationsmaterial in andere Medien. Beispielsweise schreibe ich zu einer Fotografie einen Text und mache dann eine Zeichnung dazu. Damit kommt man vom Original ein Stück weg und wird abstrakter. Eine andere Methode sind Erinnerungsreisen, in denen ich in der Fantasie Räume betrete, die es so nicht mehr gibt. D.h. ich begebe mich an einen realen Ort und rufe wach, was gewesen sein könnte. Es ist spannend zu sehen, was da an Bildern auftaucht. Was war in dem Kinderzimmer? Welche Gefühle kommen hoch?

L.P.: Welche Techniken verwendest du, um die Erinnerungen in deinen Büchern darzustellen?
S.P.: Ich verwende unterschiedliche Transferdruckarten, Monotypie, teilweise übermalte Fotos; manchmal arbeite ich auch mit Wachs. Sprache als Medium führt tief in Gedankenwelten – manches möchte aber nicht konkret gesagt werden, oder ist zu verschwommen, um in Worte gefasst zu werden. Dann ist es besser, bildhaft zu arbeiten. Die Informationen in mehrere Medien zu übersetzen ist immer spannend. Ich lege sie dann nebeneinander und schaue, was passiert. Was verkörpert am besten, was ich übermitteln möchte? Das ist das Herzstück meiner Arbeit.

Abb.2: Apfelbaum
Stefanie Pichler, “Apfelbaum“ aus „Die Zeit vergeht auch ohne uns“, Bibliothek der Provinz, Weitra, 2013

L.P.: Was ist dein persönliches Verhältnis zu Erinnerungsorten? Du hast auch ein Leporello über das Haus deiner Großmutter verfasst …
S.P.: Das Haus meiner Großmutter habe ich geliebt – es verkörpert meine Kindheit am Land. Das Buch hat das Haus als Generationenort und seine Vergänglichkeit zum Thema und ist in zwei Ebenen aufgebaut: Eine beschreibende, dokumentarische und eine, die aus fiktiven Dialogen mit meiner Großmutter besteht. Ich habe zu dem Buch viel Feedback bekommen: Wer kennt ihn nicht, den Nussbaum, der über Generation an einem Ort steht und dann doch gefällt wird? Man hat oder hatte etwas, da steckt Bedeutung drinnen, aber es besteht so nicht weiter, verändert sich oder löst sich auf. Mir geht es darum, dem Vergänglichem, den Erinnerungen anhand meiner Arbeit eine neue Form zu geben.

 

L.P.: In deinem neuen Projekt, geht es aber nicht um Erinnerungen, sondern um ganz aktuelle Aspekte des Lebens…
S.P.: Ja, zurzeit befasse ich mich mit Lebenskonzepten von Frauen zwischen dreißig und vierzig – genauer der Vereinbarkeit von Familie, Job, Selbstverwirklichung etc. Wie machen Frauen das? Wie bestimmend ist die Arbeit im Familienleben? Insgesamt habe ich an die zwanzig Interviews mit im Kulturbereich tätigen Frauen geführt. Viele sind noch nicht dort, wo sie gerne wären, viele sind durch die Kinder rausgerissen. Geplant sind drei Bücher. Sie werden nacheinander erscheinen und dann möglicherweise wieder in einem Schuber zusammenfinden. Der erste Teil mit dem Titel „Zwischen den Stühlen. Poetische Essays in Episoden“ befindet sich in der Endphase. Der zweite Teil ist sozusagen der „Ich-Part“ – ein tagebuchartiger Text mit collagenhaften Arbeiten. Der dritte Teil blickt nach hinten. So berichten unter anderem Frauen um die sechzig über ihren Erinnerungen an diese für sie vergangene Lebensphase.

L.P.: Du hast erst Kunst – experimentelle und visuelle Gestaltung an der Kunst-Uni Linz – und dann in Wien an der Angewandten Kunstpädagogik studiert. Wie bist du auf das Schreiben gekommen?
S.P.: Auslöser war Peter Handke, „Das Gewicht der Welt“, ich habe das Buch x-mal gelesen. Es ist eine Art Tagebuch, das nur aus Beobachtungen besteht. „Frau mit roten Schirm geht die Straße entlang“ – damals habe ich begonnen in Literatur zu denken. Später hat mich ein Seminar auf der Haupt-Uni sehr inspiriert und zum Freewriting gebracht. Wir sind von Materialien – Fotos etc. – ausgegangen und haben dazu Texte verfasst. Ich habe allerdings schon viel früher mit Büchern begonnen: Direkt nach der Matura an der Graphischen war ich ein paar Monate in Costa Rica. Meine Erfahrungen darüber habe ich in einem Buch festgehalten – unwissend, dass mich dieses Medium noch lange begleiten wird.

L.P.: Zur Zeichenfabrik: dort unterrichtest du Kinderbuchillustration und „Das Atelier im Koffer“. Was kann ich mir unter Letzterem vorstellen?
S.P.: Das sogenannte Künstler-Atelier ist mit Bedeutung aufgeladen. Viele, die kreativ arbeiten, haben aber keines. Ich arbeite kleinformatig, das kann ich überall machen – was zur Überlegung geführt hat, Materialien für bestimmte Techniken, in einem Koffer zusammenzustellen: Gouache-Farben, Tusche, Plastik für Monotypie, Walze, etc. Beim Kurs arbeiten wir im öffentlichen Raum, was den Vorteil hat, dass man sehr im Augenblick sein kann. Letzten Sommer waren wir im Dschungel-Kaffee, in Schönbrunn, in der Haupt-Bibliothek. Wir konnten einfach tun – es war wunderbar. Den Koffer kann man mit dem Kurs mitkaufen und ihn dann mit nach Hause nehmen.

L.P.: „Eulenpfauenauge und Hirschenantenne“: Du hast einen spielerischen Zugang zu deinen Kinderbüchern. Wie entstehen sie?
S.P.: Durchs Tun, ich gehe es einfach an – in einer Workshop-Woche kann ein Buch entstehen. Zur Ideenentwicklung sitze ich auch gerne in Cafés, lasse meinen Geist wandern und schreibe auf, was kommt. Und ich schaue mir sehr viele Kinderbücher an. Oft gefällt mir etwas, aber es geht immer um die Übersetzung in die eigene Bildsprache – man findet immer nur Inspiration. Den eigenen Stil hervorbringen, unter Einsatz der unterschiedlichsten Techniken, ist eine ständige Entwicklung. Aber irgendwann spürt man, das ist jetzt meins. Für mich gibt es zwei Leitgedanken: Erstens sollte die Arbeit am Kinderbuch eine Brücke zur eigenen Kindheit bilden und zweitens muss man das machen, was einem wirklich am Herzen liegt.

Abb.4: „Nana“, Kinderbuch
Stefanie Pichler, Illustration aus „Nana“, Kinderbuch

L.P.: „Schwarz-weiß verkleidete Protagonisten täuschen vor die Welt zu regieren. Während der Frau
das weiße Kleid über den Kopf wächst, verschlingt das Monster das magnetische Feld der
Macht.“ Dieser Text stammt aus einer Ausstellung…
S.P.: Ja, aus „Monsters Habits“, das ich als „erweiterte Zeichnung“ in einer Gruppenausstellung in New York gezeigt habe. Es handelte sich um eine Papierarbeit in schwarz-weiß, kleine Zündholzschachteln bilden Behältnisse für das Geschehen. Es ging darum, die Zeichnung in die dritte Dimension zu überführen. Ich habe mit Tusche gezeichnet und dazu einen poetischen Text geschrieben. Ich mische gerne Phantastisches in mein Werk, das es metaphernhaft überlagert. Meine Darstellungen haben verschiedenen Schichten, die erweitern und vom Offensichtlichem wegführen.

Abb.5: „Monsters Habits“, New York
Stefanie Pichler, ”Monsters Habits” in der Ausstellung “We marry cars”, New York, Gallery onetwentyeight, 2011

L.P.: Was hat dich an der Zusammenarbeit mit Alma Lazarevska fasziniert? Du hast die deutsche Übersetzung ihres Buches „Tod im Museum für moderne Kunst“ illustriert.
S.P.: Der Stil der Autorin ist inspirierend, sie schreibt bildhaft und zoomt in Details – ins Versteckte, das man von außen nicht sehen kann. Das Buch besteht aus Kurzgeschichten, die Alma während der Besetzung in Sarajewo geschrieben hat. Ich habe über längere Zeit an den Illustrationen gearbeitet, die durch ihre Texte gespeist wurden sowie durch meine eigenen Reisen nach Sarajewo. Dabei bin ich reduziert vorgegangen – meist Tusche, aber auch Bleistift und Kreide. Für die Präsentation habe ich unter anderem eine Skulptur gebaut, aus denen sich miniaturhaft die verschiedenen Bilderwelten zum Thema entwickeln. (S. Titelbild: Illustration zu “Tod im Museum für Moderne Kunst” von Alma Lazarevska, Drava Verlag, 2012)
L.P.: Arbeitest du oft mit anderen Künstlern zusammen? Gibt es Kooperationen?
S.P.: Ja, ich arbeite mit meinem Mann (lacht) – wir haben eine Website mit gemeinsamen Projekten: „www.menschenwelten.net“. Wir arbeiten schon seit einiger Zeit an einem biografisch-künstlerischen Projekt zum Thema Leidenschaften. Auch die lange Brieffreundschaft zu meiner finnischen Freundin ist speziell: Zu „Die Zeit vergeht auch ohne uns“ gibt es einen zweiten Teil, den sie über ihre Kindheit als Tochter eines Volkschul-Hausmeisters, verfasst hat. Wir hatten eine inspirierende Kunstkorrespondenz und eine gemeinsame Ausstellung mit dem Titel „Krähenbeeren und Widerspenster“. Es ist spannend unterschiedliche Erinnerungen aus verschiedenen Leben gegenüberzustellen und sie zu verknüpfen. Daraus entsteht Neues und zugleich Vertrautes: Menschen treffen einander in ihren Geschichten.
L.P.: Vielen Dank für das inspirierende Gespräch.
S.P.: Danke ebenfalls.